Der Maßnahmenkatalog der KWP 2025 – und unsere Sorge

Verfasst von

in

Die Ergebnisse

Am 17. Juni 2025 wurden die Endergebnisse der Kommunalen Wärmeplanung im Bau- und Umweltausschuss vorgestellt. Die Präsentation gliedert sich in drei Phasen: Bestands- und Potenzialanalyse, Entwicklung von Zielszenarien mit Maßnahmenkatalog sowie Verabschiedung und Umsetzung.

Die Bestandsanalyse zeigt: Der Gesamtwärmebedarf Eschborns liegt bei rund 264 GWh/a und verursacht CO₂-Emissionen von etwa 76.753 Tonnen jährlich. Rund 68 % der Heizungsanlagen sind Erdgasgeräte, gut 10 % Ölheizungen. Über ein Drittel der Gebäude ist unsaniert, knapp die Hälfte teilsaniert. Die Potenzialanalyse identifiziert drei Hauptsäulen einer künftigen klimaneutralen Versorgung: Abwärme aus Rechenzentren (mit Abstand größtes Potenzial: 166,6 GWh/a), Abwasserwärme aus dem Kanalnetz (20,9 GWh/a) sowie dezentrale Wärmepumpen (27,4 GWh/a). Ergänzend werden Biomethan und Wasserstoff für KWK-Anlagen und Spitzenlastkessel vorgesehen. Das Energieeinsparpotenzial durch Gebäudesanierung wird auf 82,5 GWh/a beziffert.

Das Stadtgebiet wurde in 13 Teilgebiete unterteilt und nach Wärmeliniendichte bewertet. Die höchste Dichte weist das Gewerbegebiet Süd auf (14.304 kWh/Trassenmeter) – hier soll die Erschließung mit Rechenzentrumsabwärme aus Frankfurt-Sossenheim bis 2030 beginnen. Bis 2035 folgen die Erweiterung nach Norden sowie die Anbindung von Camp Phoenix und der Berliner Straße; bis 2040 die Erschließung der Innenstadt und des Gewerbegebiets Ost mit anschließendem Zusammenschluss der Teilnetze. Für Niederhöchstadt wird eine dezentrale Versorgung über Wärmepumpen empfohlen. Eine Wasserstoffversorgung für Raumwärme wird als „sehr unwahrscheinlich“ eingestuft.

Der Maßnahmenkatalog umfasst elf kommunale Maßnahmen, darunter als höchste Priorität die Realisierung der Wärmeleitung zum Wiesenbad und den Ausbau im Gewerbegebiet Süd. Mittelfristig sollen Machbarkeitsstudien zur Abwasserwärme und zur Erweiterung des Wärmenetzes folgen sowie ein Gasnetzgebietstransformationsplan und eine Stromnetzzielplanung erarbeitet werden.

Was steht im Wärmeplan? Die 11 Maßnahmen im Überblick – und wo wir Handlungsbedarf sehen

Der Katalog: Was die Stadt bis 2027 vorhat

Der Kommunale Wärmeplan ist kein Wunschkonzert, sondern ein verbindlicher Beschluss. Der Maßnahmenkatalog in Kapitel 12 der KWP listet 11 konkrete Maßnahmen auf – mit Prioritäten, Zeitachsen und Zuständigkeiten. Wir haben sie für Sie zusammengefasst.

NrMaßnahmePrioritätBis wann
1Ausweisung der Wärmeversorgungsgebiete nach § 26 WPGmittelspätestens 30.06.2028
2Dekarbonisierungs-Strategie für kommunale Liegenschaftenhoch2025–2027
3Ausweitung der Förder- und Beratungsangebotemittelfortlaufend
4Einberufung einer Arbeitsgruppe „Wärmewende“ / Energieteamhochfortlaufend
5Energiekonzepte bei Neubaugebietenmittelfortlaufend
6Ausschreibung Wärmenetz Eschborn-Südsehr hochbis Ende 2025
7Gebäude-Wärmenetz Wiesenbad mit Rechenzentrums-Abwärmesehr hochbis 2027 (Versorgungsbeginn)
8Machbarkeitsstudie: Erweiterung Wärmenetz Wiesenbad auf weitere Stadtgebietehochbis Mitte 2026
9Machbarkeitsstudie: Wärmenetze aus Abwasserwärmehochbis Mitte 2026
10Gasnetz-Transformationsplan mit NRM Netzdienstemittelbis Ende 2026
11Stromnetz-Zielplanung mit Synamittelbis Ende 2026

Die spannenden Maßnahmen für Bürgerinnen und Bürger sind die Nummern 6, 7 und 8. Sie betreffen direkt die zukünftige Wärmeversorgung der Wohngebiete – oder eben nicht.

Maßnahme 6: Die Eschborn-Süd-Ausschreibung

Die wichtigste Einzelmaßnahme der gesamten KWP startet noch in diesem Jahr: Die Stadt schreibt Planung, Errichtung und Betrieb eines Wärmenetzes für Eschborn-Süd öffentlich aus. Das Gebiet umfasst das Gewerbegebiet Süd und angrenzende Bereiche. Versorgt werden soll es mit der Abwärme aus den Rechenzentren in Frankfurt-Sossenheim.

Die Grundlagen wurden bereits gelegt: Die Stadt Eschborn hat seit 2022 zusammen mit der Stadt Frankfurt eine Machbarkeitsstudie zur grenzüberschreitenden Abwärmenutzung erstellen lassen (siehe unseren Beitrag „LEA-Studie 2023„). Die Studie zeigt: Es lohnt sich.

Bis Ende 2025 sollen die Ausschreibungsunterlagen veröffentlicht und Interessenten aktiv angesprochen werden. Wer den Auftrag bekommt, wird über Bietergespräche und ein transparentes Bewertungsverfahren entschieden.

Maßnahme 8: Die Erweiterung – und unsere Sorge

In Maßnahme 8 plant die Stadt eine Machbarkeitsstudie für eine Erweiterung des Wiesenbad-Netzes auf weitere geeignete Stadtgebiete. Diese Machbarkeitsstudie soll bis Mitte 2026 vorliegen.

Hier wird es für die Wohngebiete spannend. Und genau hier sehen wir das Problem.

Warum wir uns Sorgen machen

Die Stadt geht den Weg in zwei Schritten:

  1. Erst das Gewerbegebiet ausschreiben (Maßnahme 6, bis Ende 2025)
  2. Dann später eine Machbarkeitsstudie für die Erweiterung erstellen (Maßnahme 8, bis Mitte 2026)
  3. Erst danach entscheiden, ob und wann Wohngebiete angeschlossen werden

Das ist nachvollziehbar – das Gewerbegebiet hat hohe Wärmebedarfsdichten, einen kalkulierbaren Ankerkunden und ist wirtschaftlich attraktiv. Aber genau darin liegt das Risiko: Wenn ein Betreiber das lukrative Gewerbegebiet bekommt und vertraglich auf 20 oder 30 Jahre versorgt, kann es passieren, dass er für die kleinteiligeren Wohngebiete später kein Interesse mehr hat. Oder die Wohngebiet-Anschlüsse werden teurer, weil sie nicht mehr in der Investitions-Anfangsphase mitfinanziert werden konnten.

Unser Eindruck als Initiative: Es wäre günstiger und planungssicherer, das Wärmenetz für Gewerbe- und Wohngebiete in einer einzigen Ausschreibung zu vergeben. Dann hat der Investor einen größeren Markt, höhere Skaleneffekte, und die Wohngebiet-Anschlusspreise könnten von vornherein in die Kalkulation einfließen. Eine spätere Erweiterung ist meistens teurer als eine größere Erstauslegung.

Was die Stadt vermutlich dagegenhalten würde

Fairnesshalber: Die Stadt hat gute Gründe für ihr schrittweises Vorgehen. Mögliche Argumente:

  • Zeitdruck: Eschborn-Süd ist als Pilotprojekt einer hessischen Modellregion termingebunden, eine Komplettausschreibung würde den Start verzögern
  • Ressourcen: Auf der Veranstaltung am 27.05.2026 erklärte ein Mitarbeiter der Verwaltung, dass keine Kapazitäten für alle Themen vorhanden sind und Prioritäten festgelegt wurden.
  • Machbarkeit für Wohngebiete noch unklar: Maßnahme 8 (Machbarkeitsstudie) soll diese Klarheit erst schaffen

Diese Argumente sind nicht von der Hand zu weisen. Aber sie ändern nichts an der zentralen Frage: Wer schaut darauf, dass die Wohngebiete nicht hinten herunterfallen?

Was wir konkret vorschlagen

Wir sind nicht gegen die Eschborn-Süd-Ausschreibung. Wir sind nicht gegen das Wiesenbad-Netz. Wir wollen nur sicherstellen, dass die Wohngebiete bei dieser Planung nicht später in einer ungünstigeren Verhandlungsposition landen.

Konkret empfehlen wir:

  1. In den Ausschreibungsunterlagen Eschborn-Süd eine Option zur späteren Netzerweiterung verbindlich vorsehen
  2. Die Machbarkeitsstudie zu Maßnahme 8 nicht erst Mitte 2026 fertigstellen, sondern z.B. in der Eschborn-Süd-Ausschreibung als Vorabstudie an den ausgewählten Betreiber mitvergeben
  3. Die Wohngebiete frühzeitig durch dokumentierte Anschluss-Interessenbekundungen als kalkulationsrelevanten Markt sichtbar machen – genau das, was wir als EsNihö-Initiative tun möchten.

Was Sie tun können

Wenn auch Sie in Eschborn oder Niederhöchstadt wohnen und sich vorstellen können, Ihr Gebäude bei verfügbarem Abwärmenetz anzuschließen: Bekunden Sie Ihr Interesse über unser kurzes Online-Formular. Jede einzelne Bekundung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Quartier in die Wärmenetz-Planung einbezogen wird – sei es durch Maßnahme 8, sei es durch die Fortschreibung der Wärmeplanung 2030.


Quellen:

Ratsinformationssystem Stadt Eschborn: https://eschborn.gremien.info/

Beschlussvorlage 2025/0407/stv: Grundsatzbeschluss Kommunaler Wärmeplan mit Maßnahmenkatalog

Kommunaler Wärmeplan 2025 Stadt Eschborn (Endfassung 11.06.2025), Kapitel 12: Umsetzungsstrategie mit Maßnahmenkatalog (S. 96–114)

Niederschrift der 34. Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses Eschborn, 26.06.2025

Quelle: Ergebnispräsentation KWP Eschborn, 17.06.2025 (PDF), vorgestellt im Bau- und Umweltausschuss durch Syna GmbH / HORIZONTE-Group.