Am Mittwochabend, den 27. Mai 2026, hat die Stadt Eschborn im Bürgerzentrum die Ergebnisse der kommunalen Wärmeplanung (KWP) öffentlich vorgestellt. Eine gut besuchte, professionell organisierte Veranstaltung mit Erster Stadträtin , dem Wärmeplanungsexperten von der HORIZONTE-Group und Fachleuten unter anderem von der Syna. Wir waren persönlich dabei.
Die Botschaft des Abends
Eschborn könnte fast seinen gesamten Wärmebedarf perspektivisch klimaneutral decken. Die Rechenzentren in der Stadt und im benachbarten Frankfurt-Sossenheim produzieren mehr Abwärme, als alle Eschborner Haushalte und Betriebe pro Jahr verbrauchen. In Zahlen: 166,6 Gigawattstunden Abwärme stehen einem prognostizierten Gesamtbedarf von 182 Gigawattstunden im Jahr 2045 gegenüber. Die KWP hat das Potenzial dokumentiert. Die Technik ist da. Die Wirtschaftlichkeit ist gegeben.
Unsere zentrale Frage
Warum dann werden weite Teile der Wohngebiete in Eschborn und Niederhöchstadt in der aktuellen Wärmeplanung nicht als Wärmenetz-Vorranggebiet ausgewiesen?
Wir haben diese Frage dem Referenten und Autor der Wärmeplanung direkt gestellt. Die Antwort war ehrlich und nachvollziehbar: Es liegt nicht an der Wirtschaftlichkeit. Es liegt nicht an der Technik. Es liegt an den begrenzten personellen Kapazitäten in der Verwaltung. Die Stadt entwickelt das Wärmenetz schrittweise, beginnend mit den Gewerbegebieten und der Innenstadt. Für die parallele Erschließung weiterer Wohngebiete reicht die Kapazität derzeit nicht.
Was diese Antwort bedeutet
Im Klartext: Unsere Wohngebiete fehlen in der aktuellen Wärmeplanung nicht, weil die Wärme nicht da wäre – sondern weil die Verwaltung sie zeitlich nicht überall gleichzeitig planen kann. Das ist verständlich, hat aber Folgen für jeden, der in den kommenden Jahren über seine Heizung entscheidet.
Hinzu kommt ein zweites Argument, das auf der Veranstaltung der Syna-Experte offen ansprach: Die überregionale Stromversorgung könnte in den kommenden Wintern nicht ausreichen, um den gleichzeitigen Bedarf von E-Mobilität, Rechenzentren und tausenden neuer Wärmepumpen zu decken. Bei Lastspitzen werden Wärmepumpen und Wallboxen auf 4,8 Kilowatt gedrosselt. Für die Beheizung eines durchschnittlichen Reihenhauses im Winter reicht das nicht aus.
Eine flächendeckende Versorgung mit dezentralen Wärmepumpen ist also nicht nur eine Komfort-, sondern auch eine technische Frage. Ein Abwärmenetz benötigt deutlich weniger Strom als dezentrale Wärmepumpen
Die Einladung der Stadt
Am Ende des Abends gab es eine sehr klare Empfehlung – sowohl vom Referenten als auch von der Ersten Stadträtin:
Wenn Bürgerinnen und Bürger eines Quartiers ihr Interesse an einem Anschluss zeigen und sich zusammenschließen, kann das bei der Fortschreibung der Wärmeplanung in fünf Jahren dazu führen, dass diese Gebiete dann als Vorranggebiete eingestuft werden.
Mit anderen Worten: Die Stadt lädt die Bürgerschaft ausdrücklich ein, aktiv zu werden – nicht, um sie unter Druck zu setzen, sondern um ihr eine belastbare Datengrundlage für die nächste Planungsrunde zu liefern.
Warum es uns gibt
Genau hier setzt EsNihö an. Wir sind eine Bürger-Arbeitsgruppe aus Eschborn und Niederhöchstadt, die der Verwaltung Vorarbeit abnimmt. Wir sammeln strukturiert Anschluss-Interessen, dokumentieren sie und legen sie der Stadt rechtzeitig zur Fortschreibung der Wärmeplanung vor. Wir folgen damit dem ausdrücklichen Hinweis der Ersten Stadträtin und des Autor und Wärmeplanungsexperten vom 27. Mai 2026.
Wir wollen kein Abwärmenetz für die Wohngebiete erzwingen. Wir wollen der Verwaltung die Arbeit erleichtern, damit sie es bei der nächsten Planungsrunde 2030 ausweisen kann.
Was Sie tun können
Wenn auch Sie in Eschborn oder Niederhöchstadt wohnen und sich vorstellen können, Ihr Gebäude bei verfügbarem Abwärmenetz anzuschließen: Bekunden Sie Ihr Interesse über unser kurzes Online-Formular. Das ist unverbindlich, kostenlos und dauert zwei Minuten. Jede einzelne Bekundung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Quartier 2030 als Wärmenetz-Vorranggebiet eingestuft wird.
2014 hat die Stadt Eschborn ein Integriertes Klimaschutzkonzept mit 47 Einzelmaßnahmen und konkreten CO₂-Zielen vorgelegt. 2025 folgte die gesetzlich verpflichtende Kommunale Wärmeplanung (KWP). Beide Dokumente bauen aufeinander auf – die Wärmeplanung greift an mehreren Stellen ausdrücklich auf die Daten des Klimaschutzkonzepts von 2014 zurück. Genau deshalb lohnt der direkte Vergleich: Er zeigt, ob aus den Empfehlungen von 2014 Handeln geworden ist.
Unsere Initiative arbeitet dabei nicht für die Verwaltung, sondern entlastet und unterstützt sie – denn allein schafft die Stadt diese Aufgabe nicht, sondern nur gemeinsam mit uns. Die folgende Analyse ist als Bestandsaufnahme gedacht, nicht als Vorwurf – aber sie benennt klar, wo die größten Versäumnisse liegen.
Das Klimaschutzkonzept formulierte messbare Ziele, ausgehend vom Basisjahr 2011:
Gesamtemissionen 2011: rund 437.000 Tonnen CO₂ pro Jahr (witterungsbereinigt 442.000 t bzw. 21,1 t je Einwohner – gut das Doppelte des damaligen Bundesschnitts von 9,6 t/EW (2010)).
Ziel bis 2020: −6 % (verbleibend 19,9 t/EW).
Ziel bis 2030: −25 % (verbleibend rund 16 t/EW).
Das Konzept benannte die Wärmeversorgung ausdrücklich als zentrales Handlungsfeld. Wörtlich hieß es, die nachhaltige Entwicklung der Wärmeversorgung werde „eine zentrale Rolle spielen“, und als wesentliche Effizienztechnologie wurde die Kraft-Wärme-Kopplung auf Grundlage eines Ausbaus der Nahwärmeversorgung genannt – konkret etwa am Wiesenbad und an der „Soziale Mitte / Hauptstraße / Hinter der Heck“. Diese Maßnahme (EE-3) gehörte zu den priorisierten Maßnahmen. Hinzu kamen ein Wärmekataster (EE-5), ein Klimaschutzmanagement mit kontinuierlichem Controlling (V-5), ein kommunales Energiemonitoring (V-6) und ein regelmäßiger Energiebericht (V-9).
Was tatsächlich umgesetzt wurde
Nach den auf eschborn.de öffentlich dokumentierten Angaben lässt sich Folgendes festhalten:
Umgesetzt – teils mit erheblicher Verspätung
Klimaschutzmanagement / Stabsstelle: Es gibt heute eine Stabsstelle Klimaschutz/Energie mit Klimaschutzmanager. Die Stelle wurde allerdings über die Jahre mehrfach neu besetzt – ein Hinweis auf fehlende personelle Kontinuität.
Förderrichtlinie und Energieberatung: Eine Klimaschutz-Förderrichtlinie und eine kostenlose, herstellerunabhängige Energieberatung bestehen. Das deckt Teile der 2014er Maßnahmen zur Beratung (BW-4) ab.
Einzelmaßnahmen an kommunalen Gebäuden: Ökoprofit-Zertifizierung des früheren Rathaus-/Stadthallen-/Büchereikomplexes, Energieaudit Wiesenbad, Sanierungsfahrplan Kulturzentrum Jahnstraße, Heizungs- und Pumpentausch, Dämmung, LED-Umstellung.
Energietag „E²“: Wurde laut Stadt nur zweimal durchgeführt; bereits beim zweiten Mal war die Resonanz „verhalten“. Die Maßnahme wurde danach nicht verstetigt.
Das aufschlussreichste Beispiel: das Energiemonitoring
Das kommunale Energiemanagement (Maßnahme V-6 von 2014) wird laut Stadt erst seit dem 1. Januar 2025 aufgebaut – gefördert für die Startphase 2025–2027. Die Verbrauchserfassung erfolgt dabei „überwiegend manuell zum Monatsende“. Eine Maßnahme, die 2014 als kurz- bis mittelfristig eingestuft wurde, beginnt damit faktisch elf Jahre später – und noch nicht einmal in der automatisierten Form, die das Konzept empfahl.
Die größten Versäumnisse
1. Das 2020er-Ziel ist verstrichen – ohne dass jemand nachgerechnet hat
Das Konzept von 2014 nannte klare Etappenziele: bis 2020 maximal 19,9 t CO₂ je Einwohner (rund 417.000 t), bis 2030 rund 16 t/EW (rund 333.000 t). Das Zieljahr 2020 ist längst vorbei – doch ob das Ziel erreicht wurde, lässt sich nicht beantworten: Eine öffentlich zugängliche Fortschreibung der Gesamt-CO₂-Bilanz nach 2011 existiert nicht. Die Klimaschutzseite der Stadt nennt bis heute ausschließlich die Zahlen des Basisjahrs 2011 (442.000 t / 21,1 t je Einwohner).
Die einzige neuere Berechnung stammt aus der Wärmeplanung 2025 – sie weist für den Wärmesektor aktuell rund 77.000 t CO₂ pro Jahr aus (davon rund 79 % aus Erdgas). Diese Zahl ist allerdings nicht mit dem 2014er-Ziel vergleichbar: Sie erfasst nur die Gebäudewärme, während die 442.000 t von 2011 alle Sektoren umfassten – und in Eschborn entfielen rund 90 % der Emissionen auf Wirtschaft und Verkehr, nicht auf die Wärme. Ein belastbarer Soll-Ist-Abgleich ist damit schlicht nicht möglich.
Genau das ist das Versäumnis: Das Konzept sah ein Controlling nach dem Plan-Do-Check-Act-Zyklus (ISO 50001) und einen regelmäßigen Klimaschutz-/Energiebericht (V-9) vor. Beides wurde nicht etabliert. Ohne fortgeschriebene Bilanz bleibt der Erfolg aller anderen Maßnahmen unmessbar – und ein verstrichenes Zieljahr verstreicht unbemerkt.
2. Das Abwärmenetz – priorisiert 2014, bis heute nicht realisiert
Hier liegt das schwerste Versäumnis. Die Wärmeplanung 2025 stellt nüchtern fest, dass es in Eschborn bislang keine Wärmenetze gibt. Die 2014 als prioritär eingestufte Maßnahme zum Ausbau einer leitungsgebundenen Wärmeversorgung wurde über ein Jahrzehnt nicht umgesetzt – obwohl sich das Potenzial in dieser Zeit dramatisch vergrößert hat: Die Abwärmeleistung allein des Rechenzentrumsclusters Frankfurt-Sossenheim / Eschborn Süd stieg von knapp 35 MW (2022) auf über 100 MW (Prognose 2027). Die Wärmequelle stand und steht praktisch vor der Haustür – genutzt wurde sie nicht.
Zur Einordnung der Energiemengen – mit Blick zuerst auf die Wohngebiete, denn dort wohnen die Menschen, die heute noch fossil heizen:
Die Wärmeplanung verplant unsere Wohngebiete (Teilgebiete 1–5) gemeinsam mit weiteren Wohnlagen (Teilgebiete 8 und 13) als reine Einzelversorgung: 2.362 Gebäude, derzeit zu rund 76 % mit Erdgas und 18 % mit Öl beheizt. Ihr gesamter Wärmebedarf liegt heute bei rund 63 GWh/a und sinkt bis 2045 auf rund 51 GWh/a. Vorgesehen ist dort 0 % Wärmenetz und bis zu 80 % Wärmepumpe.
Selbst der gesamte Wohngebäude-Wärmebedarf der ganzen Stadt beträgt 2045 nur rund 100 GWh/a (55 % von 182 GWh/a).
Dem steht ein Abwärmepotenzial gegenüber, das die Wärmeplanung selbst auf „deutlich über 100 GWh/a“ allein aus Rechenzentren beziffert, ergänzt um rund 30 GWh/a aus dem Kanalnetz. Eine Machbarkeitsstudie veranschlagt allein für die neuen, „abwärme-ready“ geplanten Rechenzentren rund 136 GWh Wärme pro Jahr.
Die Kernfrage lautet also nicht, ob die Abwärme für die Wohngebiete reicht – sie reicht um ein Vielfaches. Schon ein Bruchteil des Potenzials würde den künftigen Wärmebedarf sämtlicher Wohngebiete decken. Was ein Netz in lockerer Bebauung wirtschaftlich herausfordernd macht, ist nicht die Wärmemenge, sondern die geringere Wärmeliniendichte – also die Frage, wie viele Haushalte sich pro Leitungsmeter anschließen. Genau deshalb ist das reale Anschlussinteresse entscheidend, und genau hier kann Bürgerengagement den Ausschlag geben.
Bemerkenswert ist die Prioritätensetzung der Wärmeplanung: Sie führt das Abwärmenetz zuerst in die Gewerbegebiete (Eschborn Süd, Teilgebiete 6 und 12 – 252 Gebäude mit hohem Bedarf), während die Wohngebiete auf dezentrale Wärmepumpen verwiesen werden. Aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger gehört die Reihenfolge umgekehrt: zuerst unsere Wohngebiete – danach oder gleichzeitig die Gewerbegebiete – zumal die Abwärmemenge für beides ausreicht und neue Rechenzentren ohnehin „abwärme-ready“ ans Netz gehen.
3. Das Wärmekataster kam erst mit der gesetzlichen Pflicht
Ein Wärmekataster (EE-5, 2014 als mittelfristig eingestuft) als planbares Arbeitsinstrument liegt im Kern erst mit der Wärmeplanung 2025 vor – also dann, als der Bund die Kommunen ohnehin gesetzlich dazu verpflichtete. Eigeninitiative ist hier kaum erkennbar.
Wiederholung statt Fortschritt
Bezeichnend ist, dass mehrere Maßnahmen der KWP 2025 die unerledigten Hausaufgaben von 2014 nahezu wörtlich wiederholen – etwa die „Förderung und Ausweitung von Beratungsangeboten“ (vgl. 2014: Energieberatung/Beraternetzwerk) oder die „Einberufung einer Arbeitsgruppe Wärmewende“ (vgl. 2014: Klimaschutzmanagement und Energie-/Klimaforum). Was 2014 empfohlen wurde, wird 2025 erneut vorgeschlagen.
2014 versprochen – 2025 erreicht: der direkte Abgleich
Maßnahme (2014)
Stand 2025
CO₂-Ziel: 19,9 t/EW bis 2020, ~16 t/EW bis 2030
Nicht überprüfbar – keine Gesamtbilanz nach dem Basisjahr 2011 veröffentlicht
Ausbau Abwärme-/Wärmenetz mit KWK (EE-3, priorisiert)
Kein Wärmenetz in Betrieb; erste Trassen und Studien in Planung
Wärmekataster (EE-5)
Erst mit der gesetzlich verpflichtenden Wärmeplanung 2025
Klimaschutzmanagement / Controlling (V-5)
Stabsstelle vorhanden, aber wechselnd besetzt; kein dokumentiertes Controlling
Kommunales Energiemonitoring (V-6)
Aufbau erst ab 2025, überwiegend manuell
Energiebericht / CO₂-Bilanz-Fortschreibung (V-9)
Nicht öffentlich auffindbar; Stadt nennt weiterhin nur Daten von 2011
Energietag „E²“ (KI-3)
Zweimal durchgeführt, dann nicht verstetigt
Förderprogramm & Energieberatung (BW-4)
Umgesetzt
Wohin die Wärmeplanung 2025 steuert
Die KWP weist für Eschborn Wärmenetzgebiete vor allem im dichten Süden und in den Gewerbegebieten aus. Im Zielbild 2045 wären rund 42 % der Gebäude an ein Wärmenetz angeschlossen und rund 47 % dezentral über Umweltwärme/Geothermie (Wärmepumpen) versorgt.
Für unsere großen, locker bebauten Wohngebiete stuft die Wärmeplanung ein flächendeckendes Wärmenetz ausdrücklich als „wahrscheinlich ungeeignet“ ein und verweist auf dezentrale Lösungen – kleinere Netze um „Ankerkunden“ (etwa kommunale Liegenschaften) hält sie aber für möglich. Genau hier setzt unsere Initiative an: Ob ein Netz wirtschaftlich trägt, hängt entscheidend vom realen Anschlussinteresse ab – ein Kriterium, das die Wärmeplanung selbst als ausschlaggebend nennt.
Bemerkenswert ist die Begründung für den dezentralen Weg: Sie stützt sich auch auf die begrenzten personellen Kapazitäten der Verwaltung für eine parallele Erschließung. Damit wirkt sich das alte Versäumnis – fehlendes Controlling und fehlende Kontinuität – bis in die heutige Weichenstellung aus.
Andere Kommunen waren in derselben Zeit weiter
Eschborn ist kein Einzelfall, was den Zeitpunkt angeht – viele Kommunen erstellten zwischen 2014 und 2016 integrierte Klimaschutzkonzepte. Entscheidend ist, was daraus wurde. Zwei Beispiele lohnen den genaueren Blick.
Hattersheim am Main – das Abwärmenetz fürs Wohngebiet ist Realität
Die Nachbarkommune im Main-Taunus-Kreis zeigt konkret, was in Eschborn bis heute fehlt. In Hattersheim versorgt die Mainova AG zusammen mit dem Rechenzentrumsbetreiber NTT DATA über 600 Haushalte in Ein- und Mehrfamilienhäusern mit Abwärme aus einem Rechenzentrum. Entscheidend: Es handelt sich nicht um ein reines Neubauquartier, sondern ausdrücklich auch um ein bestehendes Wohngebiet – also genau die Konstellation, die für unsere Wohngebiete als „wahrscheinlich ungeeignet“ gilt. Die wichtigsten Eckdaten:
Zwei Hochtemperatur-Großwärmepumpen heben die rund 30 °C warme Server-Abwärme auf die fürs Netz nötigen 70–75 °C.
Gesamter Wärmebedarf rund 5 GWh/a, fast vollständig aus der Abwärme gedeckt; ein bestehendes Biomethan-BHKW bleibt für Spitzenlast und Redundanz.
Eine PV-Anlage auf dem Rechenzentrumsdach (rund 100 kWp) deckt etwa ein Zehntel des Strombedarfs der Wärmepumpen.
Die Wärmepumpen gingen ab Winter 2024/25 in Betrieb; die ersten Haushalte werden seither beliefert.
Der Fall belegt, dass ein bestehendes Wohnquartier sehr wohl mit Rechenzentrums-Abwärme versorgt werden kann – wenn es einen Netzbetreiber, einen konkreten Anlass (hier ein angrenzendes Neubaugebiet) und den politischen Willen gibt.
Monheim am Rhein – was eine vergleichbar reiche Stadt daraus macht
Noch näher liegt der Vergleich mit Monheim am Rhein: eine Kommune, die – wie Eschborn – durch eine bewusst niedrige Gewerbesteuer reich geworden ist und ebenfalls 2014 ein integriertes Klimaschutzkonzept beschlossen hat. Gleicher Ausgangspunkt, vergleichbare Mittel – aber ein anderer Weg:
Monheim hat sich das Ziel gesetzt, bis 2035 klimaneutral zu werden, und sein Konzept 2021 fortgeschrieben.
Über die eigene Energiegesellschaft MEGA errichtet die Stadt sechs Windkraftanlagen (Baustart 2026) – also eigene erneuerbare Erzeugung. Allein 2024 floss dafür eine Kapitaleinlage von 2,3 Mio. €.
Ein kostenloser, ausdrücklich mit dem Ziel der Klimaneutralität begründeter Nahverkehr (Monheim-Ticket) kostet die Stadt rund 1,56 Mio. € pro Jahr.
Der Tatendrang, den Eschborns Konzept 2014 forderte, ist dort also Realität – während Eschborn weder eine eigene Erzeugung noch ein Abwärmenetz vorzuweisen hat. Der Unterschied ist nicht das Geld, sondern der Wille, es in Infrastruktur zu investieren.
Unser Fazit: Jetzt müssen wir Bürgerinnen und Bürger selbst ran
Der Vergleich ergibt ein klares Bild: Einzelne Bausteine wurden umgesetzt, das organisatorische Fundament – durchgängiges Controlling, fortgeschriebene CO₂-Bilanz, personelle Kontinuität – und das wichtigste Infrastrukturprojekt, das Abwärmenetz, blieben über elf Jahre weitgehend liegen. Die Wärmeplanung 2025 setzt nun erstmals einen belastbaren Rahmen. Damit unsere Wohngebiete nicht erneut hinten anstehen, braucht es genau die Vorarbeit, die früher gefehlt hat.
Deshalb müssen wir jetzt selbst ran: Als Bürgerinnen und Bürger übernehmen wir die strukturierte Sammlung von Anschluss-Interessen als Grundlage für die Fortschreibung der Wärmeplanung 2030. Die Erste Stadträtin und der KWP-Referent haben auf der Bürgerveranstaltung am 27.05.2026 ausdrücklich zu dieser Form von Engagement ermutigt. Wir arbeiten dabei nicht für die Verwaltung, sondern entlasten und unterstützen sie – denn allein schafft die Stadt das nicht. Nur gemeinsam wird aus elf Jahren Stillstand eine belegbare Wärmewende.
Die Machbarkeitsuntersuchung „Abwärmenutzung aus Rechenzentren in Eschborn und Frankfurt-Sossenheim“ wurde im Mai 2023 von der LEA LandesEnergieAgentur Hessen herausgegeben. Erarbeitet wurde sie vom Fachgebiet Solar- und Anlagentechnik der Universität Kassel gemeinsam mit der GITA Gunter Ingenieure TA GmbH – fachlich begleitet von der Stadt Frankfurt und der Stadt Eschborn.
Der 106-seitige Bericht untersucht, ob und wie der Wärmebedarf von Eschborn-Süd, Eschborn-Mitte und Frankfurt-Sossenheim durch Abwärme aus den Rechenzentren gedeckt werden kann. Die Antwort der Studie ist eindeutig: Das geht – technisch, wirtschaftlich und mit hoher CO₂-Einsparung.
Die Kernergebnisse im Überblick
Verfügbare Abwärmemenge: Im Rechenzentrumscluster an der Wilhelm-Fay-Straße in Frankfurt-Sossenheim stehen gewaltige Wärmemengen zur Verfügung – Tendenz stark steigend. 2022 waren es bereits knapp 35 Megawatt. Für 2027 wurde eine Steigerung auf über 100 Megawatt prognostiziert. Die Abwärme fällt das ganze Jahr über nahezu konstant an – ein entscheidender Vorteil gegenüber schwankenden erneuerbaren Quellen wie Sonne und Wind.
Wärmebedarf der versorgbaren Gebiete: Bei einer Anschlussquote von 75 Prozent ergibt sich ein jährlicher Wärmebedarf von 144 Gigawattstunden für das gesamte Untersuchungsgebiet. Allein der Gewerbebereich Eschborn-Süd macht über 40 Prozent dieses Bedarfs aus – mit besonders hoher Wärmebedarfsdichte und außerordentlich großen Abnehmern.
Das vorgeschlagene Konzept: Die Studie empfiehlt ein zweistufiges System. Ein kühles Abwärmesammelnetz (25 °C Vorlauf, 15 °C Rücklauf) führt die Abwärme zu einer zentralen Heizzentrale mit Großwärmepumpen und Wärmespeicher. Von dort verteilt ein heißes Wärmenetz (70 bis 80 °C) die Energie an die Abnehmer. Die Gesamttrassenlänge inklusive Verteilnetze beträgt 50 Kilometer.
Wirtschaftlichkeit: Die Investitionskosten werden mit 135 Millionen Euro netto beziffert. Nach Förderung verbleibt ein Eigenanteil von etwa 88 Millionen Euro für den Betreiber. Die Wärmegestehungskosten liegen bei rund 105 Euro pro Megawattstunde – und damit deutlich unter den Kosten einer dezentralen Wärmepumpenlösung (125 bis 232 Euro pro Megawattstunde je nach Gebäudegröße). Die Studie hält explizit fest: Das Konzept ist für alle potenziellen Abnehmer wirtschaftlicher als dezentrale Wärmepumpen.
Klimaschutz: Das Konzept spart über den Betrachtungszeitraum etwa 25.000 Tonnen CO₂ pro Jahr ein – rund 80 Prozent gegenüber der heutigen Versorgung mit Gas und Öl. Im Zieljahr 2045 erreicht die Einsparung sogar 96 Prozent. Das entspricht einer nahezu vollständigen Dekarbonisierung der Wärmeversorgung.
Das Wiesenbad: Der erste Schritt ist gemacht Im September 2025 wurde mit der Betreiberfirma „nLighten“ einen Vertrag unterzeichnet, der die Versorgung des Eschborner Wiesenbads mit Abwärme aus dem Rechenzentrum „FRA1″ in der Schwalbacher Straße regelt. Eine erste Leitung von rund 800 Metern wird verlegt, die Baumaßnahme stockt aktuell, da die Verwaltung bei der Diskussion mit der Deutschen Bahn über die notwendige Querung der S-Bahn-Strecke nicht weiterkommt (Zitat öffentliche Sitzung zur Wärmeplanung am 27.05.2026).
LEA-Leiter Dr. Karsten McGovern hat das Projekt damals als Vorbild bezeichnet und gehofft, dass es ein Ansporn ist, „auch die Abwärmenutzung aus den Rechenzentren im Sossenheimer Gewerbegebiet voranzutreiben.“
Genau dort setzt unsere Initiative an.
Was die Studie für Eschborn empfiehlt
Die LEA-Studie nennt ausdrücklich die nächsten Schritte zur Umsetzung. Besonders eine Empfehlung ist für uns relevant:
„Zusätzlich ist Öffentlichkeitsarbeit und eine Abfrage der Anschlussbereitschaft in Wohngebieten mit kleinteiliger Besitzstruktur empfehlenswert (z. B. durch Informationsveranstaltungen, Flyer, Fragebögen).“
Genau diese Empfehlung greifen wir mit EsNihö auf. Wir sammeln die Anschlussinteressen strukturiert ein, damit die Verwaltung bei der Fortschreibung der Kommunalen Wärmeplanung 2030 auf eine belastbare Datenlage zurückgreifen kann.
Die Studie hält außerdem fest, dass nicht nur Bereiche mit besonders hoher Wärmebelegungsdichte erschlossen werden sollen, sondern eine „flächendeckende Erschließung des gesamten betrachteten Gebiets“ anzustreben ist. Das stützt unsere Forderung, dass auch die Wohngebiete in Niederhöchstadt und im weiteren Eschborn-Mitte als Wärmenetz-Vorranggebiete ausgewiesen werden.
Unser Fazit Die LEA-Studie liefert seit Mai 2023 die fachliche Grundlage für ein Abwärmenetz in Eschborn und Frankfurt-Sossenheim. Die Machbarkeit ist belegt, die Wirtschaftlichkeit ist nachgewiesen, das CO₂-Einsparpotenzial ist enorm. Mit dem Wiesenbad-Vertrag von 2025 ist der erste konkrete Schritt gemacht.
Jetzt geht es darum, das große Bild umzusetzen: ein flächendeckendes Abwärmenetz, das auch die Wohngebiete in Eschborn und Niederhöchstadt erreicht. EsNihö setzt sich dafür ein, dass dieser Schritt nicht erst in zehn oder zwanzig Jahren erfolgt, sondern jetzt mit der notwendigen Geschwindigkeit vorbereitet wird.
Studienangaben: LEA LandesEnergieAgentur Hessen GmbH (Hrsg.), „Machbarkeitsuntersuchung Abwärmenutzung aus Rechenzentren in Eschborn und Frankfurt-Sossenheim“, Mai 2023. Verfasser: J. Zipplies, C. Sauer, B. Jürgens, O. Kusyy, J. Orozaliev und K. Vajen (Universität Kassel) sowie B. Bakaev, S. Kirchner und M. Gunter (GITA Gunter Ingenieure TA GmbH).