Die Ausgangslage
Eschborn ist ein bedeutender Bürostandort mit einer hohen
Dichte an Rechenzentren. Im benachbarten Frankfurt-
Sossenheim befindet sich eines der größten Rechenzentrums-
cluster Deutschlands. Diese Anlagen laufen rund um die Uhr
– und sie produzieren dabei enorme Mengen an Abwärme.
Bisher wird diese Wärme weitgehend über Kühltürme und
Klimaanlagen an die Außenluft abgegeben. Sie wird also
buchstäblich vernichtet.
Gleichzeitig stehen die Eigentümerinnen und Eigentümer in
Eschborn und Niederhöchstadt vor einer wichtigen
Entscheidung: Wie heizen wir in den kommenden 20 bis 30
Jahren?
Die Größenordnung
Die Kommunale Wärmeplanung Eschborn aus dem Juni 2025 hat
das Potenzial der Abwärmenutzung beziffert. Für das Jahr
2045 wird mit folgender Versorgungsstruktur gerechnet:
| Wärmequelle | Menge pro Jahr |
|---|---|
| Abwärme aus Rechenzentren | 166,6 GWh |
| Restbedarf nach Sanierung | 182 GWh |
| Sonstige Quellen | weitere Anteile |
Übersetzt: Die Abwärme aus den Rechenzentren würde
rechnerisch reichen, um einen erheblichen Teil des
Eschborner Wärmebedarfs zu decken. Quelle: Kommunaler
Wärmeplan Eschborn 2025, Kapitel 7 und 11.
Warum dezentrale Wärmepumpen allein nicht reichen werden
Eine flächendeckende Versorgung aller Bestandsgebäude mit
dezentralen Wärmepumpen ist die Variante, die die aktuelle
Wärmeplanung für viele Wohngebiete vorsieht. Sie stößt
jedoch an mehrere Grenzen:
Stromverfügbarkeit im Winter
Bei gleichzeitigem Hochlauf von Elektromobilität,
Rechenzentren und tausenden neuer Wärmepumpen erreicht
das Stromnetz seine Kapazitätsgrenze. Auf der Bürger-
veranstaltung am 27. Mai 2026 hat ein Experte der Syna
angekündigt, dass in Phasen mit zu hohem Strombedarf
Wärmepumpen und Wallboxen auf 4,8 Kilowatt (elektrisch) gedrosselt werden. Für die Beheizung eines durchschnittlichen
Reihenhauses im Winter reicht das nicht aus.
Schallemissionen in dichter Bebauung
In dicht bebauten Wohngebieten sind die Schallrichtlinien
für Außengeräte von Wärmepumpen oft schwer einzuhalten –
insbesondere in den Nachtstunden.
Investitionsaufwand pro Haushalt
Eine seriöse Vergleichsbasis sind die sogenannten
Wärmegestehungskosten (Levelized Cost of Heat, LCOH). Sie
zeigen, was eine Kilowattstunde Wärme über die gesamte
Lebensdauer des Systems wirklich kostet – inklusive
Investition, Betrieb und Wartung. Die LEA-Studie 2023 hat
den Vergleich exakt durchgerechnet:
| Wärmeversorgung | Kosten je MWh |
|---|---|
| Abwärmenetz (Förderung berücksichtigt) | 105 bis 118 € |
| Dezentrale Wärmepumpe – größere Abnehmer | ab 125 € |
| Dezentrale Wärmepumpe – Einfamilienhaus | bis zu 232 € |
Die Studie kommt zu einem eindeutigen Ergebnis:
„Das Wärmeversorgungskonzept ist also für alle potenziellen Abnehmer wirtschaftlicher als eine Wärmeversorgung über dezentrale Wärmepumpen.“
Gerade für Eigentümerinnen und Eigentümer von Einfamilienhäusern – also dem Großteil der Bebauung –
ist die Kostendifferenz erheblich. Über die Lebensdauer
einer Heizungsanlage summiert sich das auf mehrere zehntausend Euro pro Gebäude.
Quelle: Machbarkeitsstudie „Abwärmenutzung Rechenzentren
Frankfurt“, LEA Hessen, 2023, Kapitel 7.1.
Was ein Abwärmenetz leistet
Ein leitungsgebundenes Abwärmenetz transportiert die
Wärme dorthin, wo sie gebraucht wird – aus dem Rechen-
zentrum direkt in die Wohnung. Die Vorteile sind
substanziell:
- Klimaneutralität: Die Wärme ist da, sie muss nur
genutzt werden. Bei voller Umsetzung wären über 96 %
CO₂-Einsparung gegenüber heutiger Versorgung erreichbar
(Quelle: LEA-Studie 2023). - Wirtschaftlichkeit: Die Wärmegestehungskosten
liegen laut LEA-Studie bei rund 105 €/MWh – gegenüber
125 bis 232 €/MWh bei dezentralen Lösungen. - Unabhängigkeit von Energiepreis-Schwankungen:
Abwärme ist ein Nebenprodukt, das ohnehin anfällt. Sie
ist nicht von Gas- oder Ölpreisen abhängig. - Komfort: Keine Außengeräte, keine Lärmbelästigung,
keine Wartung beim Endkunden – nur ein Wärmeübergabe-
Modul im Keller. - Geringerer Sanierungsdruck: Ein Abwärmenetz arbeitet
mit moderaten Vorlauftemperaturen, die mit den meisten
bestehenden Heizkörpern kompatibel sind.
Wo wir heute stehen
Die Kommunale Wärmeplanung Eschborn weist bisher folgende
Wärmenetz-Vorranggebiete aus:
- Gewerbegebiet Süd (Teilgebiet 12) mit Abwärme aus
dem Rechenzentrumscluster Frankfurt-Sossenheim,
Ausschreibung noch in 2025 - Berliner Straße und Gewerbegebiet Ost (Teilgebiete 9, 10)
- Innenstadt-Bereich und Rathaus/Neue Mitte ab 2035
- Wiesenbad-Quartier mit lokaler Rechenzentrums-Abwärme,
Versorgungsstart bis 2027
Was fehlt, sind weite Teile der Wohngebiete – darunter
Niederhöchstadt mit den Teilgebieten 1 bis 5, das
Gewerbegebiet West und die Friedenstraße. Hier sieht die
Wärmeplanung bis 2045 vor allem dezentrale Wärmepumpen
vor, obwohl die Wärmeliniendichten teilweise bei über
2.000 kWh pro Trassenmeter liegen und ein Wärmenetz
wirtschaftlich darstellbar wäre.
Unsere Sorge: Schrittweise Erschließung
Die Stadt plant einen schrittweisen Ausbau: erst das
Gewerbegebiet, dann eine Machbarkeitsstudie für die
Erweiterung, dann irgendwann die Wohngebiete. Wir teilen
diese Reihenfolge nicht uneingeschränkt. Unsere Sorge:
Wenn das lukrative Gewerbegebiet zuerst und allein ausgeschrieben wird, könnten die kleinteiligeren Wohn- gebiete später nicht mehr attraktiv genug für einen Betreiber sein. Oder Anschlüsse für Wohngebiete werden
teurer, weil sie nicht in die Investitions-Anfangsphase
einbezogen werden.
Mehr zu diesem Punkt in unserem Beitrag zum Maßnahmen-
katalog.
Was Sie tun können
Bekunden Sie Ihr Interesse an einem Abwärmenetz-Anschluss.
Das dauert wenige Minuten und ist unverbindlich. Jede
einzelne Eintragung verbessert die Datengrundlage, mit
der die Stadt Eschborn 2030 die nächste Fortschreibung
der Wärmeplanung erstellen wird.