Am Mittwochabend, den 27. Mai 2026, hat die Stadt Eschborn im Bürgerzentrum die Ergebnisse der kommunalen Wärmeplanung (KWP) öffentlich vorgestellt. Eine gut besuchte, professionell organisierte Veranstaltung mit Erster Stadträtin , dem Wärmeplanungsexperten von der HORIZONTE-Group und Fachleuten unter anderem von der Syna. Wir waren persönlich dabei.
Die Botschaft des Abends
Eschborn könnte fast seinen gesamten Wärmebedarf perspektivisch klimaneutral decken. Die Rechenzentren in der Stadt und im benachbarten Frankfurt-Sossenheim produzieren mehr Abwärme, als alle Eschborner Haushalte und Betriebe pro Jahr verbrauchen. In Zahlen: 166,6 Gigawattstunden Abwärme stehen einem prognostizierten Gesamtbedarf von 182 Gigawattstunden im Jahr 2045 gegenüber. Die KWP hat das Potenzial dokumentiert. Die Technik ist da. Die Wirtschaftlichkeit ist gegeben.
Unsere zentrale Frage
Warum dann werden weite Teile der Wohngebiete in Eschborn und Niederhöchstadt in der aktuellen Wärmeplanung nicht als Wärmenetz-Vorranggebiet ausgewiesen?
Wir haben diese Frage dem Referenten und Autor der Wärmeplanung direkt gestellt. Die Antwort war ehrlich und nachvollziehbar: Es liegt nicht an der Wirtschaftlichkeit. Es liegt nicht an der Technik. Es liegt an den begrenzten personellen Kapazitäten in der Verwaltung. Die Stadt entwickelt das Wärmenetz schrittweise, beginnend mit den Gewerbegebieten und der Innenstadt. Für die parallele Erschließung weiterer Wohngebiete reicht die Kapazität derzeit nicht.
Was diese Antwort bedeutet
Im Klartext: Unsere Wohngebiete fehlen in der aktuellen Wärmeplanung nicht, weil die Wärme nicht da wäre – sondern weil die Verwaltung sie zeitlich nicht überall gleichzeitig planen kann. Das ist verständlich, hat aber Folgen für jeden, der in den kommenden Jahren über seine Heizung entscheidet.
Hinzu kommt ein zweites Argument, das auf der Veranstaltung der Syna-Experte offen ansprach: Die überregionale Stromversorgung könnte in den kommenden Wintern nicht ausreichen, um den gleichzeitigen Bedarf von E-Mobilität, Rechenzentren und tausenden neuer Wärmepumpen zu decken. Bei Lastspitzen werden Wärmepumpen und Wallboxen auf 4,8 Kilowatt gedrosselt. Für die Beheizung eines durchschnittlichen Reihenhauses im Winter reicht das nicht aus.
Eine flächendeckende Versorgung mit dezentralen Wärmepumpen ist also nicht nur eine Komfort-, sondern auch eine technische Frage. Ein Abwärmenetz benötigt deutlich weniger Strom als dezentrale Wärmepumpen
Die Einladung der Stadt
Am Ende des Abends gab es eine sehr klare Empfehlung – sowohl vom Referenten als auch von der Ersten Stadträtin:
Wenn Bürgerinnen und Bürger eines Quartiers ihr Interesse an einem Anschluss zeigen und sich zusammenschließen, kann das bei der Fortschreibung der Wärmeplanung in fünf Jahren dazu führen, dass diese Gebiete dann als Vorranggebiete eingestuft werden.
Mit anderen Worten: Die Stadt lädt die Bürgerschaft ausdrücklich ein, aktiv zu werden – nicht, um sie unter Druck zu setzen, sondern um ihr eine belastbare Datengrundlage für die nächste Planungsrunde zu liefern.
Warum es uns gibt
Genau hier setzt EsNihö an. Wir sind eine Bürger-Arbeitsgruppe aus Eschborn und Niederhöchstadt, die der Verwaltung Vorarbeit abnimmt. Wir sammeln strukturiert Anschluss-Interessen, dokumentieren sie und legen sie der Stadt rechtzeitig zur Fortschreibung der Wärmeplanung vor. Wir folgen damit dem ausdrücklichen Hinweis der Ersten Stadträtin und des Autor und Wärmeplanungsexperten vom 27. Mai 2026.
Wir wollen kein Abwärmenetz für die Wohngebiete erzwingen. Wir wollen der Verwaltung die Arbeit erleichtern, damit sie es bei der nächsten Planungsrunde 2030 ausweisen kann.
Was Sie tun können
Wenn auch Sie in Eschborn oder Niederhöchstadt wohnen und sich vorstellen können, Ihr Gebäude bei verfügbarem Abwärmenetz anzuschließen: Bekunden Sie Ihr Interesse über unser kurzes Online-Formular. Das ist unverbindlich, kostenlos und dauert zwei Minuten. Jede einzelne Bekundung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Quartier 2030 als Wärmenetz-Vorranggebiet eingestuft wird.
2014 hat die Stadt Eschborn ein Integriertes Klimaschutzkonzept mit 47 Einzelmaßnahmen und konkreten CO₂-Zielen vorgelegt. 2025 folgte die gesetzlich verpflichtende Kommunale Wärmeplanung (KWP). Beide Dokumente bauen aufeinander auf – die Wärmeplanung greift an mehreren Stellen ausdrücklich auf die Daten des Klimaschutzkonzepts von 2014 zurück. Genau deshalb lohnt der direkte Vergleich: Er zeigt, ob aus den Empfehlungen von 2014 Handeln geworden ist.
Unsere Initiative arbeitet dabei nicht für die Verwaltung, sondern entlastet und unterstützt sie – denn allein schafft die Stadt diese Aufgabe nicht, sondern nur gemeinsam mit uns. Die folgende Analyse ist als Bestandsaufnahme gedacht, nicht als Vorwurf – aber sie benennt klar, wo die größten Versäumnisse liegen.
Das Klimaschutzkonzept formulierte messbare Ziele, ausgehend vom Basisjahr 2011:
Gesamtemissionen 2011: rund 437.000 Tonnen CO₂ pro Jahr (witterungsbereinigt 442.000 t bzw. 21,1 t je Einwohner – gut das Doppelte des damaligen Bundesschnitts von 9,6 t/EW (2010)).
Ziel bis 2020: −6 % (verbleibend 19,9 t/EW).
Ziel bis 2030: −25 % (verbleibend rund 16 t/EW).
Das Konzept benannte die Wärmeversorgung ausdrücklich als zentrales Handlungsfeld. Wörtlich hieß es, die nachhaltige Entwicklung der Wärmeversorgung werde „eine zentrale Rolle spielen“, und als wesentliche Effizienztechnologie wurde die Kraft-Wärme-Kopplung auf Grundlage eines Ausbaus der Nahwärmeversorgung genannt – konkret etwa am Wiesenbad und an der „Soziale Mitte / Hauptstraße / Hinter der Heck“. Diese Maßnahme (EE-3) gehörte zu den priorisierten Maßnahmen. Hinzu kamen ein Wärmekataster (EE-5), ein Klimaschutzmanagement mit kontinuierlichem Controlling (V-5), ein kommunales Energiemonitoring (V-6) und ein regelmäßiger Energiebericht (V-9).
Was tatsächlich umgesetzt wurde
Nach den auf eschborn.de öffentlich dokumentierten Angaben lässt sich Folgendes festhalten:
Umgesetzt – teils mit erheblicher Verspätung
Klimaschutzmanagement / Stabsstelle: Es gibt heute eine Stabsstelle Klimaschutz/Energie mit Klimaschutzmanager. Die Stelle wurde allerdings über die Jahre mehrfach neu besetzt – ein Hinweis auf fehlende personelle Kontinuität.
Förderrichtlinie und Energieberatung: Eine Klimaschutz-Förderrichtlinie und eine kostenlose, herstellerunabhängige Energieberatung bestehen. Das deckt Teile der 2014er Maßnahmen zur Beratung (BW-4) ab.
Einzelmaßnahmen an kommunalen Gebäuden: Ökoprofit-Zertifizierung des früheren Rathaus-/Stadthallen-/Büchereikomplexes, Energieaudit Wiesenbad, Sanierungsfahrplan Kulturzentrum Jahnstraße, Heizungs- und Pumpentausch, Dämmung, LED-Umstellung.
Energietag „E²“: Wurde laut Stadt nur zweimal durchgeführt; bereits beim zweiten Mal war die Resonanz „verhalten“. Die Maßnahme wurde danach nicht verstetigt.
Das aufschlussreichste Beispiel: das Energiemonitoring
Das kommunale Energiemanagement (Maßnahme V-6 von 2014) wird laut Stadt erst seit dem 1. Januar 2025 aufgebaut – gefördert für die Startphase 2025–2027. Die Verbrauchserfassung erfolgt dabei „überwiegend manuell zum Monatsende“. Eine Maßnahme, die 2014 als kurz- bis mittelfristig eingestuft wurde, beginnt damit faktisch elf Jahre später – und noch nicht einmal in der automatisierten Form, die das Konzept empfahl.
Die größten Versäumnisse
1. Das 2020er-Ziel ist verstrichen – ohne dass jemand nachgerechnet hat
Das Konzept von 2014 nannte klare Etappenziele: bis 2020 maximal 19,9 t CO₂ je Einwohner (rund 417.000 t), bis 2030 rund 16 t/EW (rund 333.000 t). Das Zieljahr 2020 ist längst vorbei – doch ob das Ziel erreicht wurde, lässt sich nicht beantworten: Eine öffentlich zugängliche Fortschreibung der Gesamt-CO₂-Bilanz nach 2011 existiert nicht. Die Klimaschutzseite der Stadt nennt bis heute ausschließlich die Zahlen des Basisjahrs 2011 (442.000 t / 21,1 t je Einwohner).
Die einzige neuere Berechnung stammt aus der Wärmeplanung 2025 – sie weist für den Wärmesektor aktuell rund 77.000 t CO₂ pro Jahr aus (davon rund 79 % aus Erdgas). Diese Zahl ist allerdings nicht mit dem 2014er-Ziel vergleichbar: Sie erfasst nur die Gebäudewärme, während die 442.000 t von 2011 alle Sektoren umfassten – und in Eschborn entfielen rund 90 % der Emissionen auf Wirtschaft und Verkehr, nicht auf die Wärme. Ein belastbarer Soll-Ist-Abgleich ist damit schlicht nicht möglich.
Genau das ist das Versäumnis: Das Konzept sah ein Controlling nach dem Plan-Do-Check-Act-Zyklus (ISO 50001) und einen regelmäßigen Klimaschutz-/Energiebericht (V-9) vor. Beides wurde nicht etabliert. Ohne fortgeschriebene Bilanz bleibt der Erfolg aller anderen Maßnahmen unmessbar – und ein verstrichenes Zieljahr verstreicht unbemerkt.
2. Das Abwärmenetz – priorisiert 2014, bis heute nicht realisiert
Hier liegt das schwerste Versäumnis. Die Wärmeplanung 2025 stellt nüchtern fest, dass es in Eschborn bislang keine Wärmenetze gibt. Die 2014 als prioritär eingestufte Maßnahme zum Ausbau einer leitungsgebundenen Wärmeversorgung wurde über ein Jahrzehnt nicht umgesetzt – obwohl sich das Potenzial in dieser Zeit dramatisch vergrößert hat: Die Abwärmeleistung allein des Rechenzentrumsclusters Frankfurt-Sossenheim / Eschborn Süd stieg von knapp 35 MW (2022) auf über 100 MW (Prognose 2027). Die Wärmequelle stand und steht praktisch vor der Haustür – genutzt wurde sie nicht.
Zur Einordnung der Energiemengen – mit Blick zuerst auf die Wohngebiete, denn dort wohnen die Menschen, die heute noch fossil heizen:
Die Wärmeplanung verplant unsere Wohngebiete (Teilgebiete 1–5) gemeinsam mit weiteren Wohnlagen (Teilgebiete 8 und 13) als reine Einzelversorgung: 2.362 Gebäude, derzeit zu rund 76 % mit Erdgas und 18 % mit Öl beheizt. Ihr gesamter Wärmebedarf liegt heute bei rund 63 GWh/a und sinkt bis 2045 auf rund 51 GWh/a. Vorgesehen ist dort 0 % Wärmenetz und bis zu 80 % Wärmepumpe.
Selbst der gesamte Wohngebäude-Wärmebedarf der ganzen Stadt beträgt 2045 nur rund 100 GWh/a (55 % von 182 GWh/a).
Dem steht ein Abwärmepotenzial gegenüber, das die Wärmeplanung selbst auf „deutlich über 100 GWh/a“ allein aus Rechenzentren beziffert, ergänzt um rund 30 GWh/a aus dem Kanalnetz. Eine Machbarkeitsstudie veranschlagt allein für die neuen, „abwärme-ready“ geplanten Rechenzentren rund 136 GWh Wärme pro Jahr.
Die Kernfrage lautet also nicht, ob die Abwärme für die Wohngebiete reicht – sie reicht um ein Vielfaches. Schon ein Bruchteil des Potenzials würde den künftigen Wärmebedarf sämtlicher Wohngebiete decken. Was ein Netz in lockerer Bebauung wirtschaftlich herausfordernd macht, ist nicht die Wärmemenge, sondern die geringere Wärmeliniendichte – also die Frage, wie viele Haushalte sich pro Leitungsmeter anschließen. Genau deshalb ist das reale Anschlussinteresse entscheidend, und genau hier kann Bürgerengagement den Ausschlag geben.
Bemerkenswert ist die Prioritätensetzung der Wärmeplanung: Sie führt das Abwärmenetz zuerst in die Gewerbegebiete (Eschborn Süd, Teilgebiete 6 und 12 – 252 Gebäude mit hohem Bedarf), während die Wohngebiete auf dezentrale Wärmepumpen verwiesen werden. Aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger gehört die Reihenfolge umgekehrt: zuerst unsere Wohngebiete – danach oder gleichzeitig die Gewerbegebiete – zumal die Abwärmemenge für beides ausreicht und neue Rechenzentren ohnehin „abwärme-ready“ ans Netz gehen.
3. Das Wärmekataster kam erst mit der gesetzlichen Pflicht
Ein Wärmekataster (EE-5, 2014 als mittelfristig eingestuft) als planbares Arbeitsinstrument liegt im Kern erst mit der Wärmeplanung 2025 vor – also dann, als der Bund die Kommunen ohnehin gesetzlich dazu verpflichtete. Eigeninitiative ist hier kaum erkennbar.
Wiederholung statt Fortschritt
Bezeichnend ist, dass mehrere Maßnahmen der KWP 2025 die unerledigten Hausaufgaben von 2014 nahezu wörtlich wiederholen – etwa die „Förderung und Ausweitung von Beratungsangeboten“ (vgl. 2014: Energieberatung/Beraternetzwerk) oder die „Einberufung einer Arbeitsgruppe Wärmewende“ (vgl. 2014: Klimaschutzmanagement und Energie-/Klimaforum). Was 2014 empfohlen wurde, wird 2025 erneut vorgeschlagen.
2014 versprochen – 2025 erreicht: der direkte Abgleich
Maßnahme (2014)
Stand 2025
CO₂-Ziel: 19,9 t/EW bis 2020, ~16 t/EW bis 2030
Nicht überprüfbar – keine Gesamtbilanz nach dem Basisjahr 2011 veröffentlicht
Ausbau Abwärme-/Wärmenetz mit KWK (EE-3, priorisiert)
Kein Wärmenetz in Betrieb; erste Trassen und Studien in Planung
Wärmekataster (EE-5)
Erst mit der gesetzlich verpflichtenden Wärmeplanung 2025
Klimaschutzmanagement / Controlling (V-5)
Stabsstelle vorhanden, aber wechselnd besetzt; kein dokumentiertes Controlling
Kommunales Energiemonitoring (V-6)
Aufbau erst ab 2025, überwiegend manuell
Energiebericht / CO₂-Bilanz-Fortschreibung (V-9)
Nicht öffentlich auffindbar; Stadt nennt weiterhin nur Daten von 2011
Energietag „E²“ (KI-3)
Zweimal durchgeführt, dann nicht verstetigt
Förderprogramm & Energieberatung (BW-4)
Umgesetzt
Wohin die Wärmeplanung 2025 steuert
Die KWP weist für Eschborn Wärmenetzgebiete vor allem im dichten Süden und in den Gewerbegebieten aus. Im Zielbild 2045 wären rund 42 % der Gebäude an ein Wärmenetz angeschlossen und rund 47 % dezentral über Umweltwärme/Geothermie (Wärmepumpen) versorgt.
Für unsere großen, locker bebauten Wohngebiete stuft die Wärmeplanung ein flächendeckendes Wärmenetz ausdrücklich als „wahrscheinlich ungeeignet“ ein und verweist auf dezentrale Lösungen – kleinere Netze um „Ankerkunden“ (etwa kommunale Liegenschaften) hält sie aber für möglich. Genau hier setzt unsere Initiative an: Ob ein Netz wirtschaftlich trägt, hängt entscheidend vom realen Anschlussinteresse ab – ein Kriterium, das die Wärmeplanung selbst als ausschlaggebend nennt.
Bemerkenswert ist die Begründung für den dezentralen Weg: Sie stützt sich auch auf die begrenzten personellen Kapazitäten der Verwaltung für eine parallele Erschließung. Damit wirkt sich das alte Versäumnis – fehlendes Controlling und fehlende Kontinuität – bis in die heutige Weichenstellung aus.
Andere Kommunen waren in derselben Zeit weiter
Eschborn ist kein Einzelfall, was den Zeitpunkt angeht – viele Kommunen erstellten zwischen 2014 und 2016 integrierte Klimaschutzkonzepte. Entscheidend ist, was daraus wurde. Zwei Beispiele lohnen den genaueren Blick.
Hattersheim am Main – das Abwärmenetz fürs Wohngebiet ist Realität
Die Nachbarkommune im Main-Taunus-Kreis zeigt konkret, was in Eschborn bis heute fehlt. In Hattersheim versorgt die Mainova AG zusammen mit dem Rechenzentrumsbetreiber NTT DATA über 600 Haushalte in Ein- und Mehrfamilienhäusern mit Abwärme aus einem Rechenzentrum. Entscheidend: Es handelt sich nicht um ein reines Neubauquartier, sondern ausdrücklich auch um ein bestehendes Wohngebiet – also genau die Konstellation, die für unsere Wohngebiete als „wahrscheinlich ungeeignet“ gilt. Die wichtigsten Eckdaten:
Zwei Hochtemperatur-Großwärmepumpen heben die rund 30 °C warme Server-Abwärme auf die fürs Netz nötigen 70–75 °C.
Gesamter Wärmebedarf rund 5 GWh/a, fast vollständig aus der Abwärme gedeckt; ein bestehendes Biomethan-BHKW bleibt für Spitzenlast und Redundanz.
Eine PV-Anlage auf dem Rechenzentrumsdach (rund 100 kWp) deckt etwa ein Zehntel des Strombedarfs der Wärmepumpen.
Die Wärmepumpen gingen ab Winter 2024/25 in Betrieb; die ersten Haushalte werden seither beliefert.
Der Fall belegt, dass ein bestehendes Wohnquartier sehr wohl mit Rechenzentrums-Abwärme versorgt werden kann – wenn es einen Netzbetreiber, einen konkreten Anlass (hier ein angrenzendes Neubaugebiet) und den politischen Willen gibt.
Monheim am Rhein – was eine vergleichbar reiche Stadt daraus macht
Noch näher liegt der Vergleich mit Monheim am Rhein: eine Kommune, die – wie Eschborn – durch eine bewusst niedrige Gewerbesteuer reich geworden ist und ebenfalls 2014 ein integriertes Klimaschutzkonzept beschlossen hat. Gleicher Ausgangspunkt, vergleichbare Mittel – aber ein anderer Weg:
Monheim hat sich das Ziel gesetzt, bis 2035 klimaneutral zu werden, und sein Konzept 2021 fortgeschrieben.
Über die eigene Energiegesellschaft MEGA errichtet die Stadt sechs Windkraftanlagen (Baustart 2026) – also eigene erneuerbare Erzeugung. Allein 2024 floss dafür eine Kapitaleinlage von 2,3 Mio. €.
Ein kostenloser, ausdrücklich mit dem Ziel der Klimaneutralität begründeter Nahverkehr (Monheim-Ticket) kostet die Stadt rund 1,56 Mio. € pro Jahr.
Der Tatendrang, den Eschborns Konzept 2014 forderte, ist dort also Realität – während Eschborn weder eine eigene Erzeugung noch ein Abwärmenetz vorzuweisen hat. Der Unterschied ist nicht das Geld, sondern der Wille, es in Infrastruktur zu investieren.
Unser Fazit: Jetzt müssen wir Bürgerinnen und Bürger selbst ran
Der Vergleich ergibt ein klares Bild: Einzelne Bausteine wurden umgesetzt, das organisatorische Fundament – durchgängiges Controlling, fortgeschriebene CO₂-Bilanz, personelle Kontinuität – und das wichtigste Infrastrukturprojekt, das Abwärmenetz, blieben über elf Jahre weitgehend liegen. Die Wärmeplanung 2025 setzt nun erstmals einen belastbaren Rahmen. Damit unsere Wohngebiete nicht erneut hinten anstehen, braucht es genau die Vorarbeit, die früher gefehlt hat.
Deshalb müssen wir jetzt selbst ran: Als Bürgerinnen und Bürger übernehmen wir die strukturierte Sammlung von Anschluss-Interessen als Grundlage für die Fortschreibung der Wärmeplanung 2030. Die Erste Stadträtin und der KWP-Referent haben auf der Bürgerveranstaltung am 27.05.2026 ausdrücklich zu dieser Form von Engagement ermutigt. Wir arbeiten dabei nicht für die Verwaltung, sondern entlasten und unterstützen sie – denn allein schafft die Stadt das nicht. Nur gemeinsam wird aus elf Jahren Stillstand eine belegbare Wärmewende.
Am 17. Juni 2025 wurden die Endergebnisse der Kommunalen Wärmeplanung im Bau- und Umweltausschuss vorgestellt. Die Präsentation gliedert sich in drei Phasen: Bestands- und Potenzialanalyse, Entwicklung von Zielszenarien mit Maßnahmenkatalog sowie Verabschiedung und Umsetzung.
Die Bestandsanalyse zeigt: Der Gesamtwärmebedarf Eschborns liegt bei rund 264 GWh/a und verursacht CO₂-Emissionen von etwa 76.753 Tonnen jährlich. Rund 68 % der Heizungsanlagen sind Erdgasgeräte, gut 10 % Ölheizungen. Über ein Drittel der Gebäude ist unsaniert, knapp die Hälfte teilsaniert. Die Potenzialanalyse identifiziert drei Hauptsäulen einer künftigen klimaneutralen Versorgung: Abwärme aus Rechenzentren (mit Abstand größtes Potenzial: 166,6 GWh/a), Abwasserwärme aus dem Kanalnetz (20,9 GWh/a) sowie dezentrale Wärmepumpen (27,4 GWh/a). Ergänzend werden Biomethan und Wasserstoff für KWK-Anlagen und Spitzenlastkessel vorgesehen. Das Energieeinsparpotenzial durch Gebäudesanierung wird auf 82,5 GWh/a beziffert.
Das Stadtgebiet wurde in 13 Teilgebiete unterteilt und nach Wärmeliniendichte bewertet. Die höchste Dichte weist das Gewerbegebiet Süd auf (14.304 kWh/Trassenmeter) – hier soll die Erschließung mit Rechenzentrumsabwärme aus Frankfurt-Sossenheim bis 2030 beginnen. Bis 2035 folgen die Erweiterung nach Norden sowie die Anbindung von Camp Phoenix und der Berliner Straße; bis 2040 die Erschließung der Innenstadt und des Gewerbegebiets Ost mit anschließendem Zusammenschluss der Teilnetze. Für Niederhöchstadt wird eine dezentrale Versorgung über Wärmepumpen empfohlen. Eine Wasserstoffversorgung für Raumwärme wird als „sehr unwahrscheinlich“ eingestuft.
Der Maßnahmenkatalog umfasst elf kommunale Maßnahmen, darunter als höchste Priorität die Realisierung der Wärmeleitung zum Wiesenbad und den Ausbau im Gewerbegebiet Süd. Mittelfristig sollen Machbarkeitsstudien zur Abwasserwärme und zur Erweiterung des Wärmenetzes folgen sowie ein Gasnetzgebietstransformationsplan und eine Stromnetzzielplanung erarbeitet werden.
Was steht im Wärmeplan? Die 11 Maßnahmen im Überblick – und wo wir Handlungsbedarf sehen
Der Katalog: Was die Stadt bis 2027 vorhat
Der Kommunale Wärmeplan ist kein Wunschkonzert, sondern ein verbindlicher Beschluss. Der Maßnahmenkatalog in Kapitel 12 der KWP listet 11 konkrete Maßnahmen auf – mit Prioritäten, Zeitachsen und Zuständigkeiten. Wir haben sie für Sie zusammengefasst.
Nr
Maßnahme
Priorität
Bis wann
1
Ausweisung der Wärmeversorgungsgebiete nach § 26 WPG
mittel
spätestens 30.06.2028
2
Dekarbonisierungs-Strategie für kommunale Liegenschaften
hoch
2025–2027
3
Ausweitung der Förder- und Beratungsangebote
mittel
fortlaufend
4
Einberufung einer Arbeitsgruppe „Wärmewende“ / Energieteam
hoch
fortlaufend
5
Energiekonzepte bei Neubaugebieten
mittel
fortlaufend
6
Ausschreibung Wärmenetz Eschborn-Süd
sehr hoch
bis Ende 2025
7
Gebäude-Wärmenetz Wiesenbad mit Rechenzentrums-Abwärme
sehr hoch
bis 2027 (Versorgungsbeginn)
8
Machbarkeitsstudie: Erweiterung Wärmenetz Wiesenbad auf weitere Stadtgebiete
hoch
bis Mitte 2026
9
Machbarkeitsstudie: Wärmenetze aus Abwasserwärme
hoch
bis Mitte 2026
10
Gasnetz-Transformationsplan mit NRM Netzdienste
mittel
bis Ende 2026
11
Stromnetz-Zielplanung mit Syna
mittel
bis Ende 2026
Die spannenden Maßnahmen für Bürgerinnen und Bürger sind die Nummern 6, 7 und 8. Sie betreffen direkt die zukünftige Wärmeversorgung der Wohngebiete – oder eben nicht.
Maßnahme 6: Die Eschborn-Süd-Ausschreibung
Die wichtigste Einzelmaßnahme der gesamten KWP startet noch in diesem Jahr: Die Stadt schreibt Planung, Errichtung und Betrieb eines Wärmenetzes für Eschborn-Süd öffentlich aus. Das Gebiet umfasst das Gewerbegebiet Süd und angrenzende Bereiche. Versorgt werden soll es mit der Abwärme aus den Rechenzentren in Frankfurt-Sossenheim.
Die Grundlagen wurden bereits gelegt: Die Stadt Eschborn hat seit 2022 zusammen mit der Stadt Frankfurt eine Machbarkeitsstudie zur grenzüberschreitenden Abwärmenutzung erstellen lassen (siehe unseren Beitrag „LEA-Studie 2023„). Die Studie zeigt: Es lohnt sich.
Bis Ende 2025 sollen die Ausschreibungsunterlagen veröffentlicht und Interessenten aktiv angesprochen werden. Wer den Auftrag bekommt, wird über Bietergespräche und ein transparentes Bewertungsverfahren entschieden.
Maßnahme 8: Die Erweiterung – und unsere Sorge
In Maßnahme 8 plant die Stadt eine Machbarkeitsstudie für eine Erweiterung des Wiesenbad-Netzes auf weitere geeignete Stadtgebiete. Diese Machbarkeitsstudie soll bis Mitte 2026 vorliegen.
Hier wird es für die Wohngebiete spannend. Und genau hier sehen wir das Problem.
Warum wir uns Sorgen machen
Die Stadt geht den Weg in zwei Schritten:
Erst das Gewerbegebiet ausschreiben (Maßnahme 6, bis Ende 2025)
Dann später eine Machbarkeitsstudie für die Erweiterung erstellen (Maßnahme 8, bis Mitte 2026)
Erst danach entscheiden, ob und wann Wohngebiete angeschlossen werden
Das ist nachvollziehbar – das Gewerbegebiet hat hohe Wärmebedarfsdichten, einen kalkulierbaren Ankerkunden und ist wirtschaftlich attraktiv. Aber genau darin liegt das Risiko: Wenn ein Betreiber das lukrative Gewerbegebiet bekommt und vertraglich auf 20 oder 30 Jahre versorgt, kann es passieren, dass er für die kleinteiligeren Wohngebiete später kein Interesse mehr hat. Oder die Wohngebiet-Anschlüsse werden teurer, weil sie nicht mehr in der Investitions-Anfangsphase mitfinanziert werden konnten.
Unser Eindruck als Initiative: Es wäre günstiger und planungssicherer, das Wärmenetz für Gewerbe- und Wohngebiete in einer einzigen Ausschreibung zu vergeben. Dann hat der Investor einen größeren Markt, höhere Skaleneffekte, und die Wohngebiet-Anschlusspreise könnten von vornherein in die Kalkulation einfließen. Eine spätere Erweiterung ist meistens teurer als eine größere Erstauslegung.
Was die Stadt vermutlich dagegenhalten würde
Fairnesshalber: Die Stadt hat gute Gründe für ihr schrittweises Vorgehen. Mögliche Argumente:
Zeitdruck: Eschborn-Süd ist als Pilotprojekt einer hessischen Modellregion termingebunden, eine Komplettausschreibung würde den Start verzögern
Ressourcen: Auf der Veranstaltung am 27.05.2026 erklärte ein Mitarbeiter der Verwaltung, dass keine Kapazitäten für alle Themen vorhanden sind und Prioritäten festgelegt wurden.
Machbarkeit für Wohngebiete noch unklar: Maßnahme 8 (Machbarkeitsstudie) soll diese Klarheit erst schaffen
Diese Argumente sind nicht von der Hand zu weisen. Aber sie ändern nichts an der zentralen Frage: Wer schaut darauf, dass die Wohngebiete nicht hinten herunterfallen?
Was wir konkret vorschlagen
Wir sind nicht gegen die Eschborn-Süd-Ausschreibung. Wir sind nicht gegen das Wiesenbad-Netz. Wir wollen nur sicherstellen, dass die Wohngebiete bei dieser Planung nicht später in einer ungünstigeren Verhandlungsposition landen.
Konkret empfehlen wir:
In den Ausschreibungsunterlagen Eschborn-Süd eine Option zur späteren Netzerweiterung verbindlich vorsehen
Die Machbarkeitsstudie zu Maßnahme 8 nicht erst Mitte 2026 fertigstellen, sondern z.B. in der Eschborn-Süd-Ausschreibung als Vorabstudie an den ausgewählten Betreiber mitvergeben
Die Wohngebiete frühzeitig durch dokumentierte Anschluss-Interessenbekundungen als kalkulationsrelevanten Markt sichtbar machen – genau das, was wir als EsNihö-Initiative tun möchten.
Was Sie tun können
Wenn auch Sie in Eschborn oder Niederhöchstadt wohnen und sich vorstellen können, Ihr Gebäude bei verfügbarem Abwärmenetz anzuschließen: Bekunden Sie Ihr Interesse über unser kurzes Online-Formular. Jede einzelne Bekundung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Quartier in die Wärmenetz-Planung einbezogen wird – sei es durch Maßnahme 8, sei es durch die Fortschreibung der Wärmeplanung 2030.